Fachausschuss Europa und Internationales
Ausstellung "Die Partei hat immer recht. Die SED im Alltag der DDR"
Ansprechpartner*in
Michael Schwab
Die Kooperationspartner mit dem Kurator der aktuellen Ausstellung im Fuldaer Bonifatiushaus
von links: Akademiedirektor Gunter Geiger, Dr. Stefan Wolle sowie Michael Schwab
Im Bonifatiushaus ist noch bis zum 25. Juni die Ausstellung „Die Partei hat immer recht. Die SED im Alltag der DDR“ zu sehen:
Zweifeln am Marxismus galt als „Ketzerei“
Fulda (mb). Mit der Wende hat die Geschichte die auf dem Marxismus/Leninismus fußende Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) der DDR „hinweggefegt.“ Deren Partei-Doktrin entpuppte sich letztlich als „leere Worthülse“. Mit der geschichtlichen Entwicklung sowie dem Einfluss der SED im „anderen Teil Deutschlands“ beschäftigt sich derzeit die Ausstellung „Die Partei hat immer recht. Die SED im Alltag der DDR““ der Bundesstiftung Aufarbeitung. Noch bis zum 25. Juni Ist sie im Bonifatiushaus täglich von 9:00 Uhr bis 18:00 Uhr zu sehen.
Zwangsvereinigung 1946
20 Plakate dokumentieren mit vielen interessanten historischen Alltagsaufnahmen - unter anderem auch dem legendären Bruderkuss Breshnews und Honeckers – sowie knappen beschreibenden Texten anschaulich ein besonderes Kapitel deutscher Geschichte: von der Zwangsvereinigung der SPD mit der Kommunistischen Partei (KPD) in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) am 21./22.April 1946, also vor 80 Jahren, bis zum Untergang der SED in den „Wendejahren.“ Präsentiert wird die Schau als Kooperationsveranstaltung der Katholischen Akademie des Bistums Fulda mit der Fuldaer Sektion der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) sowie dem Landesverband Hessen des Deutschen Journalistenverbands. „Wir beteiligen uns gerne an dieser Kooperation mit unseren bewährten Partnern“, betonte Michael Schwab, Vorsitzender des Fachausschusses Europa.
Mechanismen sichtbar machen
Akademiedirektor Gunter Geiger erklärte zur Eröffnung, dass die Katholische Akademie mit der Schau die Mechanismen eines totalitären Systems wie der DDR sichtbar machen und zur kritischen Auseinandersetzung anregen wolle. Besonders im Umbruch von 1989 würden Bespitzelung, Kontrolle und fehlende Eigenverantwortung sichtbar, die ein Klima von Abhängigkeit und Opportunismus geschaffen hätten. Zugleich verdeutliche die Ausstellung die Widersprüche zwischen Überzeugung und Anpassung im Alltag der Diktatur. Geiger betonte, dass die Präsentation auch der wachsenden DDR-Nostalgie und Desinformation entgegenwirke, denen durch Aufklärung begegnet werden soll.
„Die Ausstellung ist Teil der notwendigen Erinnerungskultur und - wenn man so will -Teil des Bemühens um Aufarbeitung eines historisch relevanten Kapitels deutscher und damit letztlich auch europäischer Geschichte“, hob Schwab hervor. Gerade jetzt, wo bei manchem eine falsch verstandene Ostalgie um sich greife, sei es umso wichtiger, aufzuklären, was Demokratie, Freiheit des Einzelnen sowie Meinungs- und Pressefreiheit bedeuteten.
SED-Hymne
Die Konzeption und die Texte der Ausstellung stammen von dem Historiker Dr. Stefan Wolle, der bis 2024 wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin war. Zur Eröffnung erinnerte er an die Entstehungsgeschichte des Lieds „Die Partei hat immer recht“, dem die Schau ihren beziehungsreichen Titel verdankt. Louis Fürnberg, ein deutsch-tschechischen Schriftsteller und Diplomat, hatte es komponiert und getextet. Ab 1950 war sein Werk zur offiziellen Hymne der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) geworden, der alles bestimmenden DDR-Staatspartei. Die SED sei Ausdruck eines allgegenwärtigen Herrschafts- und Wahrheitsmonopols gewesen. Ihre Macht habe die Partei mit Hilfe von Polizei, Justiz und Staatssicherheit abgesichert. Zugleich schuf sie ein System sozialer Abhängigkeiten und Gewöhnung.
Kritik galt als Verbrechen
Während laut Wolle der Lied-Titel von der Bevölkerung im Laufe der Zeit immer häufiger „ironisch und hämisch“ gebraucht wurde, seien Zweifel oder gar Kritik an der Ideologie des Marxismus/Leninismus trotz vieler Widersprüche verboten gewesen. Die Lehre habe gleichsam „kanonischen Charakter“ gehabt und durfte nur von zuständigen Parteiinstanzen interpretiert und festgelegt werden. Zweifeln sei mit „Ketzerei“ gleichgesetzt worden, galt als „Verbrechen und wurde auch so behandelt“, betonte Wolle. Zweifler am Marxismus/Leninismus, der nach SED-Lesart „einzigen wissenschaftlichen Weltanschauung“, und Andersdenkende seien „Feinde der Gesellschaft und Handlanger des Imperialismus“ gewesen. Geistige Grundlage der SED war der Antifaschismus. Auf eine demokratische Legitimierung durch die Bevölkerung habe die DDR verzichten müssen. Das eigentliche Machtzentrum im Staat sei nicht etwa das Parlament, also die Volkskammer, gewesen, sondern das Politbüro, das an oberster Stelle stand - und damit ein „kleiner Kreis von alten Männern.“ Mit den Jahren habe sich schließlich die Partei-Parole „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ umgekehrt. Die Führungs- und Mittelschicht der Partei sei bei der Wende orientierungslos gewesen und habe die politische Entwicklung als einen „bösen Traum“ empfunden. Darin offenbare sich, dass die SED über die Jahre keine Widerstandskraft entwickelt habe. Wolle wörtlich: „Im Oktober ´89 unter (SED-Generalsekretär) Egon Krenz war der Zug abgefahren… Die Macht zerfiel ihnen unter den Händen.“
Erinnern
Schwab, der zugleich Leiter der Sektion Fulda der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) ist, betonte, mit Dr. Stefan Wolle habe man für die Ausstellungseröffnung nicht nur einen renommierten Historiker, sondern auch einen wichtigen Zeitzeugen gefunden. Mit der Präsentation, für die es bei der Bundesstiftung eine beeindruckende Zahl an Vorbestellungen gebe, treffe man thematisch einen „Nerv“, sagte Schwab, der den Partnern, insbesondere Akademiedirektor Gunter Geiger für die hervorragende Kooperation dankte.
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