17.12.2018,

Zukunft des Journalismus, Qualität und seine Kosten

Für Qualitätsjournalismus - und damit für die Demokratie wird er auch in Zukunft einstehen - und das 200prozentig, versprach Hans Georg Schnücker: „Wir haben da unsere Aufgabe, daran ändert sich auch nichts.“ Der Sprecher der VRM-Geschäftsführung und Kommunikations-Professor Oliver Quiring von der Uni Mainz waren die beiden hochkarätigen Gäste auf der DJV Podiumsdiskussion zum Thema „Hat der Qualitätsjournalismus eine Zukunft“ im Presseclub Wiesbaden.

Podiumsdiskussion im Presseclub/Foto: Wolfgang Kühner

Das Interesse an der ersten gemeinsamen Veranstaltung des DJV Hessen und DJV Rheinland-Pfalz war groß. Knapp 50 Gäste hatten sich in bereits kurzer Zeit dafür angemeldet und wollten wissen, wie es trotz Fusionen, polemischer Kritik wie „Lügenpresse“  und Digitalisierung im Journalismus weitergeht. Sylvia Kuck, Ortsverbands-Vorsitzende von Wiesbaden, und Jürgen Kremer freuten sich. „Wir hätten das schon viel früher machen sollen“, bemerkte der Vorsitzende des DJV Bezirksverband Rheinhessen. Denn weit sei es von Mainz nach Wiesbaden wirklich nicht.

Doch was lange währt, währt gut. Das traf zumindest in diesem Fall ganz und gar zu. Denn die beiden Gesprächspartner Hans Georg Schnücker und Oliver Quiring waren nicht nur äußerst kompetente sondern auch sehr unterhaltsame Gesprächspartner, die dem kritischen Journalistenpublikum sogar häufiger ein Lachen abgewinnen konnten. Ob mit Hägar, dem Schrecklichen, der Schnücker die Tageszeitung seiner Eltern attraktiv machte. Oder mit den Comics von der Sparkasse, womit Oliver Quiring das Lesen lieben lernte.  

Presse- und Meinungsfreiheit nur noch in Mitteleuropa

Hans Georg Schnücker bestach damit, dass er Stellung bezog. Um die derzeitige Situation  in Deutschland zu beschreiben, warf der stellvertretende BDZV-Präsident und Aufsichtsratsmitglied der Nachrichtenagentur dpa zunächst einen Blick in die Vergangenheit. Für ein Unternehmen der Rheinischen Post hatte er in Tschechien und Slowakei ein Medienverbund mit aufgebaut, der sich an unserer Meinungs- und Pressefreiheit orientieren sollte. Vor fünf Jahren wurde dieser Medienverbund an einen Agrar-Milliardär verkauft, der inzwischen Ministerpräsident von Tschechien ist.

In anderen Ländern wie der Ukraine beherrschten weniger die Politiker als vielmehr reiche Oligarchen die Medien. Presse- und Meinungsfreiheit sei nur noch in Mitteleuropa, USA und Kanada zu finden. In Asien oder Südamerika sei sie ebenfalls nicht vorhanden. Schnücker: „Die Folgen davon sind - Korruption, Annehmlichkeiten, Bestechung. Da funktioniert die Wirtschaft nicht. Deshalb finde ich diesen Abend auch so gut, dass wir alle darauf gucken, weil das System gefährdet ist. Es gibt unheimlich viele Einflüsse das zu diskreditieren, was wir hier haben.“

"Wir wissen das immer weniger zu schätzen"

Die Situation des Qualitätsjournalismus sei in Deutschland unvergleichlich gut, bestätigte auch Oliver Quiring. Bisher gab es nichts daran auszusetzen, meinte der Kommunikations-Professor aus wissenschaftlicher Sicht: „Man kritisiert Journalisten, welche Marschrichtung sie haben. Aber bisher gab es keine Diskussion über Qualitätsjournalismus, weil es im Großen und Ganzen funktioniert.“ Einzelne Beiträge könne man immer mal wieder hinterfragen, aber das sei bei wissenschaftlichen Arbeiten genauso. Grundsätzlich gäbe es kein Problem. Allerdings, meint Quiring, wüssten wir das immer weniger zu schätzen. Das sei wie beim Essen. Erst, wenn es kalt ist oder nicht schmeckt, fällt es einem auf. Das große Angebot der Lokalredaktionen garantiere bisher auch Meinungsvielfalt.

Doch wie lange noch? Hans Georg Schnücker macht den Journalisten nichts vor: „Anzeigen haben jahrzehntelang den Qualitätsjournalismus finanziert.“ Doch der Werbemarkt ist im Umbruch. Früher waren vor allem Zeitungen die Werbeträger, wenig Fernsehen und noch weniger Radio. Inzwischen gibt es knallharte Konkurrenz durch die digitalen Giganten wie Google und Amazon. „Die greifen Gewinne und Daten ab, ohne Steuern zu zahlen“, gibt Schnücker zu bedenken. Dieser Situation müssen sich die Verlage stellen.

Immer mehr nutzen E-Paper und das Sportportal 

Dazu kommt ein Generationswechsel bei den Zeitungslesern. Nicht nur dass Jüngere seltener Printprodukte nutzen, es gibt auch schlichtweg weniger von ihnen im Vergleich zu älteren Lesern, so Schnücker. Dem Vorwurf, junge Menschen informierten sich weniger, widerspricht Oliver Quiring: „Ihnen stehen heutzutage viel mehr Medien zur Verfügung. Wenn etwas in New York passiert, dann können sie das direkt in der New York Times nachlesen.“

Das sind viele Herausforderungen, die es zu bewältigen gibt. Doch die VRM GmbH sei beim digitalen Ausbau auf einem guten Weg, davon ist der Verlagssprecher überzeugt. Als Beispiele nennt er unter anderem das E-Paper und vor allem das Sportportal, mit denen man inzwischen viele Nutzer erreiche. Vorbilder wie die skandinavischen Länder sowie USA hat das Unternehmen dabei fest im Blick und orientiert sich an ihnen. Wenn er alles digitalisieren würde, würden ihn die Firmeninhaber auf dem Schild durch Mainz und Wiesbaden tragen, sagt er und lacht.

Guter Lokaljournalismus ist in Hessen wichtig

Soweit sind wir allerdings noch nicht. Denn treue Abonnenten machen den Zeitungsverlagen das Leben in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern leichter. Vor allem der Lokaljournalismus ist nach wie vor gefragt. Schnücker: „Die Hessen sind sehr verwurzelt. Sie interessieren sich dafür, was bei Ihnen in der Umgebung, in der Lokalpolitik, auf Weinfesten und im Sport passiert." Deshalb ist gute Lokalberichterstattung sehr wichtig.

Kommunikationsexperte Quiring ergänzt: „Die Leser sind nicht dumm. Sie bekommen auf jeden Fall mit, wie gut die Berichterstattung ist und würden entsprechend reagieren, egal welche Angebote drumherum gemacht werden.“ Bei sinkenden Auflagen der Zeitungen müssen die Kosten anders gedeckt werden. Es gilt eine Kapitialisierung der Modelle zu entwickeln, so der Verlagssprecher. Wobei Quiring zu Bedenken gibt: Nur einfache Bezahlmodelle können erfolgreich sein.  

„Offener Brief an die Geschäftsführung der VRM GmbH und Co. KG“

Beide Experten sind jedoch zuversichtlich: Im Vergleich zu anderen Ländern ist der Markt der Regionalzeitungen in Deutschland hervorragend aufgestellt. Allerdings können kleinere Verlage die heutigen Herausforderungen alleine oft nicht mehr leisten. Beispiel: Wenn ein neuer Webauftritt geplant wird, dauert das ungefähr ein Jahr bis zur Umsetzung und ist dann eigentlich schon wieder überholt. Der Kostendruck hat Fusionen zur Folge und eventuell auch eine Reduzierung des Seitenumfanges.

Und da sind wir beim springenden Punkt für Ingo Berghöfer vom „Gießener Anzeiger“. Bereits vor Jahren hat VRM die Zeitung übernommen und immer wieder Stellen gestrichen. Nun überreicht der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende einen  „Offenen Brief an die Geschäftsführung der VRM GmbH und Co. KG“, worin sich die tiefe Sorge um die Arbeitsplätze seiner Kolleginnen und Kollegen ausdrückt. Heike Parakenings

Termine

26.03.2019,

26. März 2019, Praxisworkshop: So gelingen bessere Pressefotos

27.03.2019,

DJV Hessen-Seminar: "Bloggen für Anfänger"

28.03.2019,

DJV Hessen-Seminar: "Bloggen für Fortgeschrittene"

12.04.2019,

DJV Hessen-Seminar: "Netzrecherche von Google bis Twitter"

16.05.2019,

DJV Hessen-Seminar: “Websites mit WordPress erstellen sich von selbst“ ODER?

27.05.2019,

DJV Hessen-Seminar: "Facebook & Co, live für Journalisten" Fortgeschrittene