DJV Hessen fordert vom hr eine „echte Strategie“ statt Kahlschlag im Radio

Gegen Einsparungen und für Qualitätsjournalismus. Das Radio geht immer noch mit der Zeit! Insoweit muss es erhalten bleiben. Ja, mehr noch! Das Radio bedarf einer angemessenen Finanzierung.

„Der öffentlich -rechtliche Rundfunk muss eine Bastion für Qualitätsjournalismus bleiben“, betont Knud Zilian, 1. Vorsitzender des DJV-Hessen auf dem Landesverbandstag 2022. Dass man seit Jahren das junge und sehr junge Publikum im Radio und Fernsehen kaum noch begeistern kann, ist hinreichend bekannt. Ob aber durch hektisches Umsteuern zugunsten digitaler Angebote dieses Klientel deutlich besser erreicht wird, sei laut Zilian „äußerst zweifelhaft“. Denn die lang unter dem Deckel gehaltene „Audiostrategie“ der hr-Geschäftsleitung enthalte leider kaum Ansätze, um wieder mehr junge Menschen für öffentlich-rechtliche Angebote zu interessieren. Vor allem aber werde erst einmal die Axt ans Programm gelegt, redaktionelle Ressourcen werden drastisch eingedampft und an vielen Stellen die gleiche Arbeit auf weniger Schultern verteilt.

Noch erreichen allein die Hörfunkprogramme des hr an jedem Werktag über 2,1 Millionen Menschen in Hessen. Die digitale Reichweite bewegt sich hingegen im einstelligen Prozentbereich. Der DJV Landesverbandstag Hessen fordert daher den Intendanten des Hessischen Rundfunks dringend auf, den drohenden Kahlschlag im linearen Programm des hr zu verhindern. Der Kernauftrag Bildung, Information und Unterhaltung muss im Fernsehen wie auch im Radio weiterhin in hoher Qualität gewährleistet werden.

Selbstverständlich stellt sich der DJV nicht gegen die digitale Transformation, und natürlich ist der Öffentlich-rechtliche Rundfunk verpflichtet, möglichst alle Menschen zu erreichen. So lautet ja auch das Motto des hr: „Wir verbinden Hessen in seiner Vielfalt“. Leider gilt dies wohl immer weniger für das Fernseh- und Hörfunkprogramm, in dem die Vielfalt unweigerlich unter den geplanten Sparmaßnahmen leiden wird. Weil die Reichweite digitaler Programmangebote nach Willen der hr-Geschäftsleitung überproportional wachsen soll, werden diese oft kostspielig beworben, damit sie überhaupt im Netz wahrgenommen werden. Denn in der digitalen Sphäre ist die Bereitstellung von Inhalten nur die halbe Miete. Digital kostet also doppelt: Für Produktion und „Distribution“, also noch mehr Geld was – vor allem bei den freien Mitarbeitern im Programm – eingespart werden muss. 

„Ich sehe die Gefahr“, sagte der DJV-Landesvorsitzende Knud Zilian weiter, „dass durch diese sogenannte ‚Strategie‘ und den damit verbundenen Sparzwang mehr Qualität UND Reichweite im linearen Programm verloren gehen wird, als absehbar mit digitalen Angeboten gewonnen werden kann.“ Redaktionelle Einschnitte, die einen spürbaren Qualitätsverlust bedeuten, sind für den DJV Hessen nicht hinnehmbar.

Zu den linear und digital erfolgreichsten Formaten des hr gehört auch die von hr2 zu hr-iNFO gewanderte monothematische Prestigesendung Der Tag. Diese ist in Gefahr, mit rund 40 % weniger Ressourcen mittelfristig qualitativ auszubluten, während ein „junges“ digitales Format mit deutlich mehr Personal ausgestattet, noch nicht so richtig ‚abgehoben‘ hat. Und der 1966 gegründete Programm-Leuchtturm Funkkolleg musste erstmals in seiner Geschichte ein Jahr lang komplett aussetzen, trotz sehr respektabler Abrufzahlen auch als Podcast. Die Neuausrichtung und Wiederaufnahme des Funkkolleg als digitales Bildungsformat und wahrscheinlich unter anderem Namen ist in Arbeit, aber absehbar in drastisch reduziertem Umfang.

In der gegenwärtigen Krisenlage hat sich gezeigt, dass die Hörfunk-Angebote des hr, und besonders die von hr-iNFO stark linear genutzt werden. Von allen hr-Wellen haben immerhin You FM und hr4 bei der gerade veröffentlichten Media-Analyse gegen den Trend zugelegt. Und hr-iNFO ist seit Jahren ARD-weit das quotenstärkste Informationsprogramm im eigenen Sendegebiet. Einsparungen hier, im Kernbereich der Information, dürfen nicht zu Lasten des Angebots und der Qualität gehen. Ansonsten verspielt der Öffentlich-rechtliche Rundfunk seine hohe Reputation nicht nur bei den „älteren“ Nutzern und Nutzerinnen – bei ungewissem Erfolg in der zweifellos digitalen Zukunft. Einmal verlorene Qualität und verspieltes Vertrauen beim Publikum lässt sich doppelt schwer zurückgewinnen. Deshalb formuliert der  DJV-Verbandstag den deutlichen Appell an den Intendanten des Hessischen Rundfunks: Herr Hager, wir fordern Sie und ihre Programmdirektion auf, eine echte Strategie zu entwickeln, bei dem sich lineares Programm und digitale Inhalte ergänzen statt das klassische Radio einfach nur zu kannibalisieren.

 

 

A K T U E L L E S

Blickpunkt Ausgabe 02/2022

In der neuen Ausgabe des „Blickpunkts“ lesen Sie unter anderem:

  • Welche verbandspolitischen Weichen die Delegierten des Verbandstags Mitte Juli gestellt haben
  • Wie der Hessische Rundfunk seinen Informationsauftrag im Radioprogramm zu amputieren droht
  • Mit welcher Bilanz sich der frühere Sprecher Michael Bußer als Alter Ego von Volker Bouffier verabschiedet
  • Wofür zwei hr-Journalistinnen einer der renommierten Grimme-Preise zugesprochen worden ist

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