„Wir sind gefordert“ DJV-Ortsverband Wiesbaden diskutiert über Hilfe für Journalist*innen in türkischen Gefängnissen

Wiesbaden, 29.06.2020: Der große Saal ist frisch desinfiziert. Luise Rieser trägt ein Kunststoff-Visier vor dem Gesicht. Die Tische im Hinkelhaus in Wiesbaden-Auringen sind im Quadrat und weit auseinander aufgestellt. Die neuesten Abstands- und Versammlungsregeln des Landes Hessen werden peinlich genau eingehalten. Dazu passen die weißen Neopren-Alltagsmasken, die aus der DJV-Zentrale in Bonn per Express pünktlich zur Jahreshauptversammlung (JHV) des Ortsverbandes Wiesbaden eingetroffen sind; einer außergewöhnlichen JHV.

Eine außergewöhnliche Jahreshauptversammlung mit Abstands- und Hygieneregeln. Foto: Wolfgang Kühner

Die Vorsitzende des OV Wiesbaden Sylvia Kuck Foto: Wolfgang Kühner

Corona, das Virus und die Auswirkungen auf Medienschaffende sind natürlich ein Thema. In Wiesbaden und Umgebung müssen die Zeitungsverlage glücklicherweise – vielleicht noch – keine Kurzarbeit anmelden. Einige freiberufliche Fotograf*innen leiden unter knappen Aufträgen. Wir diskutieren über Coronahilfen. Knud Zilian, erster Vorsitzender des DJV-Hessen, berichtet wie kompliziert es ist zum Beispiel beim Hessischen Rundfunk gerechte Lösungen für Betroffene zu finden.  Die Anwesenden kommen zum Schluss, dass es den Journalist*innen in Deutschland doch vergleichsweise sehr gut geht.

Nazéy Kulu regt an über die Situation unserer Kolleg*innen in der Türkei nachzudenken. Die türkische Regierung wirbt in der momentanen Corona-Krise um deutsche Urlauber und präsentiert die Türkei als sicheres Land. Tatsächlich sei aber das Gegenteil der Fall. Markus N. Beeko schreibt in der Welt: „Zwar wurden rund 90.000 Inhaftierte aufgrund unzureichender Hygienestandards in den überfüllten türkischen Gefängnissen kurzfristig aus der Haft entlassen, doch sind Menschenrechtlerinnen, Oppositionelle und Journalisten davon explizit ausgeschlossen.“

Journalisten wie Ahmet Altan sitzen nach wie vor in türkischen Gefängnissen. Deniz Yücel ist seit zwei Jahren frei. Viele Mitglieder des DJV-Hessen und auch des Wiesbadener Ortsverbands hatten in dessen Heimatstadt Flörsheim an Mahnwachen teilgenommen und für seine Freilassung demonstriert. In der Türkei ist Yücel wegen „Propaganda für eine Terrororganisation“ und „Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit“ angeklagt. Die Staatsanwaltschaft fordert 16 Jahre Haft und Ermittlungen wegen „Beleidigung des Präsidenten“. – Andere Journalistinnen und Journalisten sind nicht so bekannt. Aber auch sie brauchen Hilfe. Nazéy Kulu schlägt vor über Anwälte Kontakt zu Inhaftierten aufzunehmen. In Briefen könnten wir uns mit Kolleg*innen austauschen und ihnen Mut zusprechen. Knud Zilian greift die Idee auf: „Wir dürfen die Journalistinnen und Journalisten in der Türkei nicht im Stich lassen. Da sind wir gefordert.“  Wir diskutieren was wir auf die Beine stellen könnten und wollen bis zum Verbandstag am 18. September in Frankfurt eine Idee präsentieren.

In diesem Zusammenhang fällt auch der Name Zehra Doğan. Die kurdische Künstlerin und erste Trägerin der „Feder für die Pressefreiheit“ des DJV-Hessen, war noch im Februar in Wiesbaden. Nach einer eindrucksvollen Performance auf dem Bodenmosaik vor dem Rathaus war sie am Abend im Nassauischen Kunstverein. Vor ihren im Gefängnis entstandenen Bildern erzählte sie von Plänen sich weiterhin künstlerisch und journalistisch für Frauen und Unterdrückte im Iran, Irak und Syrien einzusetzen. Knud Zilian erwähnt in der JHV den Brief, den sie an diesem Abend dem Träger der Feder für die Pressefreiheit 2020 schreibt. Diese Zeilen, darauf verweist DJV-Schatzmeisterin Dr. Gabriele Blumschein, sind inzwischen zusammen mit einem Füllfederhalter nach Kanada geschickt worden. Dort lebt die Frau des inhaftierten saudi-arabischen Online-Journalisten Raif Badawi.

Zehra Doğan war nach ihrem Wiesbaden-Besuch in die Schweiz gereist. Sie möchte in Europa kein Asyl beantragen, weil sie immer noch hofft in ihre Heimat zurückkehren zu können. Sie wartet seit März auf ihr Visum für Großbritannien. Deshalb liegen auch ihre Pläne für ein Online-Projekt mit Videos derzeit auf Eis. Einstweilen hat sie in der Schweiz eine Plakat-Aktion gestartet: Anlässlich der Tötung von George Floyd in den USA äußert sie sich journalistisch und künstlerisch zum Thema Rassismus.

http://www.kedistan.net/2020/06/15/zehra-dogan-paris-walls-blacklivesmatter/ 

Zehra Doğan ist auch Gast auf der 11. Biennale Berlin https://www.art-in-berlin.de/incbmeld.php?id=5426

Unsere Kollegin Nazéy Kulu steht mit ihr in Kontakt und hält uns auf dem Laufenden. 

 

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