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Talk "Wandel und Wert des Lokaljournalismus" des OV Wiesbaden

Ein Abend über Umwege, Haltung und handwerkliche Härte

25.03.2026
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Volker Watschounek
Volker Watschounek

Claus-Jürgen Göpfert im Talk mit Sylvia Kuck

Claus-Jürgen Göpfert sprach im DJV über ein Reporterleben zwischen Wiesbaden, Frankfurter Neuer Presse und Frankfurter Rundschau. Er erzählte von verpassten Stellen, politischen Vorbehalten, harten Lehrjahren und einem Beruf, der bis heute von Nähe, Haltung und einem belastbaren Netzwerk lebt.

Manchmal beginnt ein guter Abend mit einem ziemlich schlechten Brötchenpreis. In der DJV-Geschäftsstelle fällt zunächst ein Satz, der den Raum zum Lachen bringt: Die Brötchenpreise der vorherigen Location sprengten das übliche Budget. Also zieht die Veranstaltung kurzerhand um. Das passt, unbeabsichtigt, erstaunlich gut zum Thema. Denn auch der Journalismus, über den Claus-Jürgen Göpfert an diesem Abend spricht, entsteht selten auf dem geraden Weg. Er entsteht über Umwege, unter Druck, mit Improvisation – und oft gegen Widerstände.

Wiesbadener Herkunft, frühe Reibung, früher Wille

Göpfert, in Wiesbaden geboren und aufgewachsen, erzählt von der Leibniz-Schule, von einer Schülerzeitung namens „Der rote Backstein“ und von einer Jugend, die sich früh einmischte. „Willy muss Kanzler bleiben“, habe man damals gerufen und Unterschriften gesammelt. Verboten wurde manches trotzdem. Oder gerade deshalb.

Schon damals, so wird an diesem Abend deutlich, zieht es ihn nicht an den Rand der Ereignisse, sondern mitten hinein. Nicht bloß zuschauen, sondern verstehen. Nicht bloß wiedergeben, sondern einordnen. Dass er Journalist werden wollte, sei ihm früh klar gewesen.

Die Stelle war eigentlich schon da – bis Willy Brandt ins Spiel kam

Eine der stärksten Anekdoten des Abends handelt von einer Stelle, die Göpfert fast bekommen hätte – und dann eben doch nicht. Er hatte bereits einen Vertrag als Lokalredakteur bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung unterschrieben, sollte Anfang Januar 1980 in Trier anfangen. Alles schien geregelt. Dann kam die Absage.

Der Grund, so erzählt Göpfert, sei erst nach einigen Telefonaten deutlich geworden. Im Vorstellungsgespräch habe man ihn gefragt, welchen lebenden Politiker er schätze. Seine Antwort: „Willy Brandt.“ Für ihn sei der frühere Kanzler eine „moralische Instanz“ gewesen. Für die konservative Zeitung offenbar ein Problem.

„Man hatte sich doch gegen eine Anstellung entschieden“, erzählt Göpfert trocken. Aus der fast sicheren Stelle wurde nichts. Statt Trier kam es zu einem Umweg – und der führte ihn zur Frankfurter Neuen Presse. Aus heutiger Sicht klingt das wie eine Kränkung mit Folgen. Damals war es vor allem ein harter Einschnitt. Mit 24 wollte Göpfert endlich auf eigenen Füßen stehen. Statt eines klaren Einstiegs bekam er eine Lektion darüber, wie politisch Journalismus schon vor dem ersten Arbeitstag sein konnte.

FNP: harte Schule in Königstein und Kronberg

Bei der Frankfurter Neuen Presse landete Göpfert zunächst in einer Außenredaktion in Königstein. Was romantisch nach Lokaljournalismus im Kleinstadtformat klingt, war in Wahrheit Knochenarbeit. „Meine Aufgabe: täglich mindestens zwei Seiten … mit Texten und Bildern zu füllen“, erzählt er. Mittags musste Königstein fertig sein, danach fuhr er weiter nach Kronberg, wo schon die nächste Ausgabe wartete.

„Ich lernte sehr schnell zu schreiben, rasch zu fotografieren und überhaupt ohne großes Lamento zu entscheiden.“ Dieser Satz beschreibt nicht nur den Arbeitsalltag, sondern ein journalistisches Selbstverständnis. Wer Lokaljournalismus ernst nimmt, muss liefern können. Jeden Tag. Ohne Ausreden.

Und natürlich gab es die kuriosen Motive, die so nur in der Lokalredaktion vorkommen: ein Papagei auf einer Antenne, Tiere aus dem Opel-Zoo, kleine Wombats, die es zuverlässig in die Zeitung schafften. Göpfert erzählt das mit Witz, aber nie herablassend. Denn gerade in solchen Geschichten liegt für ihn eine Wahrheit des Fachs: Lokaljournalismus lebt von Aufmerksamkeit. Wer genau hinschaut, entdeckt Relevanz auch dort, wo andere nur Randnotizen sehen.

Zur Rundschau – über einen traurigen Anlass

Dass Göpfert später bei der Frankfurter Rundschau landete, verdankte er ebenfalls keinem geraden Karriereplan. Er erzählt, wie er 1984 auf der Trauerfeier für den FR-Kollegen Rudolf Heinrich Appel dem damaligen Chefredakteur Werner Holzer begegnete. Am Grab, so erinnert er sich, habe Holzer ihm die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: „Jetzt kannst du doch zu uns kommen, wo der Rudi tot ist.“

Es ist ein rauer, fast schroffer Satz. Und doch markiert er einen Wendepunkt. Göpfert nimmt dieses Angebot ernst. „Letztlich war es dieser Handschlag, auf den ich mich verließ“, sagt er. Am 1. Juli 1985 beginnt er bei der Rundschau – und bleibt dort bis Ende 2020.

Diese Anekdote trägt viel von dem in sich, was ältere Journalistengenerationen auszeichnete: weniger Bewerbungsportal, mehr Begegnung; weniger Personalprozess, mehr Handschlag; weniger Planbarkeit, mehr Schicksal. Der Weg zur Rundschau verlief nicht geschniegelt, sondern über Verlust, Gespräch, Vertrauen – und einen langen Atem.

Was heute bleibt

Am Ende verdichtet Göpfert den Abend in einem Satz, der wie eine Empfehlung an jüngere Kolleginnen und Kollegen klingt: „Ohne Netzwerk kriegt man nichts gesteckt.“ Dahinter steckt keine Eitelkeit, sondern Erfahrung. Geschichten fallen nicht vom Himmel. Man muss sie sich erlaufen, erfragen, erarbeiten.

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses Abends: Die Technik hat sich verändert, die Takte sind härter geworden, die Plattformen zahlreicher. Aber guter Lokaljournalismus entsteht noch immer dort, wo jemand nah dran bleibt, Haltung zeigt und den Umweg nicht scheut.
 

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